Prof. Dr. Eva Geulen
Foto: Uwe Dettmar
Vita
Eva Geulen ist seit 2015 Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung sowie Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie promovierte 1989 an der Johns Hopkins University mit einer Dissertation über Adalbert Stifter. Von 2003 bis 2012 hatte sie den Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bonn und anschließend bis 2015 an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. inne. Sie unterrichtete zudem an zahlreichen Universitäten in den USA, u.a. der Stanford University, Rutgers University, New York University, Columbia University und der University of California, Berkeley.
Seit 2025 ist sie Sekretarin der Geisteswissenschaftlichen Klasse sowie Mitglied des Vorstands und des Rats der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Sie war von 2004 bis 2025 Mitherausgeberin der Zeitschrift für deutsche Philologie und ist eine Hauptherausgeberin der Kritischen Gesamtausgabe der Werke Hannah Arendts. Ihre Forschung fokussiert sich auf Literatur und Philosophie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Publikationen (Auswahl)
- Aus dem Leben der Form. Studien zum Nachleben von Goethes Morphologie in der Theoriebildung des 20. Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein Verlag 2021 (mit Eva Axer u. Alexandra Heimes; unter Mitarbeit von Michael Bies, Ross Shields u. Georg Toepfer).
- Aus dem Leben der Form. Goethes Morphologie und die Nager. Berlin: August Verlag 2016.
- Giorgio Agamben zur Einführung. Hamburg: Junius 2005.
- Das Ende der Kunst. Lesarten eines Gerüchts nach Hegel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002.
Forschungsvorhaben: Mut-Proben: Zum Nachleben einer Praxis unter modernen Bedingungen
Mit Kants Übersetzung von sapere aude als „Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ wird Mut nicht nur zu einem Leitbild der Aufklärung, sondern erweist sich zunehmend als eine Bedingung moderner Existenz, die sich gegen eine unzuverlässige Welt behaupten muss. Das geht mit einer Einschränkung des semantischen Spektrums von ‚Mut‘ einher. Vom mittelalterlichen „hohen Muot“ ist nicht viel geblieben. Bereits Adelung vermerkt, dass „Muth“ zwar „das ganze Begehungsvermögen“ betreffe, dafür aber inzwischen „Gemüth und Herz“ üblich geworden seien. Dass Mut einmal ein Wort für Gesinnung oder auch Stimmung war, merkt man allenfalls an Komposita wie Großmut, Langmut oder Sanftmut.
Die geplante Beschäftigung mit dem Mut in philosophisch-theoretischen und literarischen Texten seit Kant stellt heute aus zwei Gründen so etwas wie eine Zumutung dar. Einerseits sind Mut und die verwandte religiös konnotierte Zuversicht Mangelware. In Zeiten, in denen Hoffnung aus bereits stattgehabter Vernichtung einer Lebensform gewonnen werden soll (Jonathan Lear, 2006), Optimismus „cruel“ heißt, weil er stets aufs Neue enttäuscht wird (Lauren Berlant, 2011), es einen Afropessimismus gibt und allerorten Mutlosigkeit diagnostiziert wird, scheint diese Kategorie endgültig aus der Zeit gefallen. Andererseits ist die stereotype Formel „Mut und Kraft“ in der zeitgenössischer Erbauungs- Ratgeber- und Therapieliteratur omnipräsent. Vor diesem Hintergrund von Mutlosigkeit sowie mutwilliger Versprechen von Mut – und beidem gleichsam zum Trotz – werden ausgewählte Texte auf ihre Modellierung von Mut untersucht. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Verhältnis von Mut und Kraft.
In dieser Kopplung hat sich rudimentär ein Zusammenhang erhalten, der sich für Aristoteles Ethik noch zwanglos ergab, weil in an Ehre orientierten Gesellschaften wie der seinen die Kraft als physische Stärke und der Mut als Tapferkeit in der ‚Mannhaftigkeit‘ zusammenfielen. Ihr Inbegriff, der homerische Held Achill, ist aber auch ein zorniges Wesen, und tatsächlich liegen Mut und Zorn nah semantisch lange nah beieinander. Das erklärt, warum Mut im Sinne der antiken arete und auch im Christentum (‚ermutigt durch die Kraft des Glaubens‘) in die Tugendethik gehört, andererseits aber auch Züge eines situationsabhängigen Affekts zeigt. Dieses alte Spannungsfeld bleibt auch in der Moderne virulent und dient den Untersuchungen als Leitfaden. Daneben tritt die Frage nach dem jeweiligen Verhältnis von Individuen und mutigen Gruppen und Kollektiven. Ein zentrales Erkenntnisinteresse ist das Anliegen, den Begriff des Muts von scheinbar verwandten Konzepten aus dem Repertoire moderner Selbstbeschreibungen wie beispielsweise Risikobereitschaft abzugrenzen und als eine Praxis eigenen Rechts zu beschreiben.