Prof. Dr. Racha Kirakosian
Foto: Maurice Weiss I Ostkreuz
Vita
Racha Kirakosian ist Professorin für Mediävistik am Deutschen Seminar der Universität Freiburg, wo sie seit 2020 tätig ist. Zuvor lehrte sie zunächst als Assistant, dann als Associate Professor of German and Religion an der Harvard University (2014–2020). An der University of Oxford war sie Faculty Lecturer an der Medieval and Modern Languages Faculty sowie College Lecturer am Somerville College und Director of Studies in German am Oriel College. In Oxford wurde sie 2014 in Medieval German promoviert. Sie hat an der École nationale des chartes (Paris) Geschichte studiert sowie an der Universität Göttingen Geschichte und Deutsche Philologie.
An der Universität Freiburg ist sie Mitbegründerin und Direktoriumsmitglied des Digital Humanities-Labs sowie Direktoriumsmitglied des Mittelalterzentrums. Sie ist Vorstandsmitglied der Meister-Eckhart-Gesellschaft. Von 2021 bis 2026 war sie Mitglied der Jungen Akademie Berlin. Ihre Forschung widmet sich der Ideen- und Religionsgeschichte des Mittelalters und den Aspekten von Materialität, Körper und Erkenntnis – auch im interdisziplinären Austausch mit den Neurowissenschaften. Aktuell läuft an ihrer Professur ein von der VolkswagenStiftung gefördertes Projekt zu erkenntnisorientieren Dialogen: https://uni-freiburg.de/inqdialog/. Für ihre Forschung zu „Neuromedievalism“ wurde sie mit dem Falling-Walls-Preis 2022 gewürdigt, ihr Buch „Berauscht der Sinne beraubt“ hat den Preis der doxumentale 2025 gewonnen und stand auf der Shortlist für den Österreichischen Wissenschaftsbuchpreis in der Kategorie „Medizin und Biologie“. Sie war Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, am Swedish Collegium for Advanced Study sowie am Hamburg Institute for Advanced Study.
Publikationen (Auswahl)
- Berauscht der Sinne beraubt. Eine Geschichte der Ekstase, Berlin: Ullstein, Propyläen, 2025.
- From the Material to the Mystical in Late Medieval Piety. The Vernacular Transmission of Gertrude of Helfta’s Visions. Cambridge: Cambridge University Press, 2021.
- Women Read. Differently? Text in Women Convents from the 13th to the 15th Centuries, TRAST, Göttingen: V&R unipress, 2026. Hg. mit Linus Möllenbrink und Meret Wüthrich.
- “The Placebo Effect and Long History of the Habit of Belief. How a Medieval Image Reveals the Power of the Invisible”, Journal of the Royal Society of Medicine 119 (2026). Zus. mit Philip Liston-Kraft, Ted Kaptchuk und Karin Jensen [erstmals erschienen in: James Lind Library].
- “Reading as a Mode of Attention. Medieval Prayer Practice and the Reader’s Speculation”, in: Close Reading as Attentional Practice, hg. von Marion Thain und Ewan Jones. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2025, S. 41–62.
Forschungsvorhaben: Habitus und die Seelenkräfte um 1300
Auf aristotelischen sowie augustinischen Prinzipien basierend entwickelte sich ab dem 12. Jahrhundert ein ausgeklügeltes Bild der Seele, bei dem einzelne Cluster von kognitiven Fähigkeiten unter der Kategorie facultas (Kraft) zusammengefasst wurden. Denker wie Maimonides, Ibn Sina (Avicenna), Albertus Magnus und Thomas von Aquin beschrieben diese Kräfte der Seele in ihrer Wirkweise und setzten sie in Relation zueinander. Der Dominikanerscholastiker und -prediger Meister Eckhart fügte dem System der Seelenkräfte eine weitere, eine edele kraft der sêle hinzu, die alle anderen Kräfte übersteige. Sie sei der unerschaffene Teil des Menschen und der Ort, an dem die Seele mit Gott eins werde.
Im Wesentlichen deckt sich das Bedeutungsspektrum des mittelhochdeutschen Begriffs kraft mit dem der lateinischen Pendants facultas und virtus (Tugend). Der Tugendbegriff bringt allerdings einen weiteren wichtigen Aspekt der Intellekttheorie um 1300 ins Spiel: die habitus-Lehre. Denn dieser nach sind Tugenden als positiv zu bewertende habitūs, antrainierte Gewohnheiten, die dem vernünftigen Menschen erstrebenswert erscheinen sollten. Die ideengeschichtliche Erforschung in Texten des 12.–14. Jahrhunderts verspricht, den Kraftbegriff in seiner historisch-semantischen Tiefe zu konturieren und dabei die Verbindung zur habitus-Lehre zu ziehen. Eine zentrale verbindende Komponente ist dabei das Prinzip der potentia (Vermögen), denn sowohl habitūs (daher auch virtutes) als auch facultates befähigen den Menschen, auf eine gewisse Weise zu denken und zu handeln.