Dr. Elisa Ronzheimer

Foto: Philipp Ottendörfer
Vita
Elisa Ronzheimer ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Bielefeld. Sie forscht zu historischer Poetik seit dem 18. Jahrhundert (Schwerpunkt: Metrik und Rhythmus), Literaturtheorie (insbesondere Stiltheorien des 20. Jahrhunderts und Lyriktheorie) und zur Theorie und Praxis der Komparatistik.
Nach einem Studium der Germanistik und Romanistik an der Universität Bonn und der Université Paris-Sorbonne IV schloss sie 2018 einen Ph.D. an der Yale University mit einer Dissertation zum Thema Poetologien des Rhythmus um 1800 ab. Seit 2018 arbeitet sie als Akademische Rätin im Fachbereich Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld. In ihrem Habilitationsprojekt befasst sie sich mit den Transformationen der literaturwissenschaftlichen Stilistik zwischen 1945 und 1980. Am Bielefelder SFB 1288 Praktiken des Vergleichens leitete sie zwischen 2021 und 2024 das Teilprojekt Vergleichendes Lesen. Konstitution und Kritik der Stilistik als einer wissenschaftlichen Methode. 2023/24 forschte sie mit einem Feodor Lynen-Stipendium an der Università degli studi di Bergamo. 2024 lehrte sie als Max Kade Visiting Professor an der Vanderbilt University, 2025 als Vertretungsprofessorin an der Universität Siegen.
Publikationen (Auswahl)
- Radikale Zärtlichkeit – Skeptische Zärtlichkeit. Zur Wiederentdeckung eines Gefühls in Literatur und Kultur der Gegenwart, in: Sociologia Internationalis, Sonderheft: Fingerspitzengefühl, hg. von Niklas Barth, Regina Karl, Sophie Schweiger (erscheint 2026).
- The Return of „Empfindsamkeit“? Mapping „New Sensibility“ Literature, in: Germanic Review: Literature, Culture, Theory 100 (2025), H. 3, S. 405–421.
- Hg. mit Kristina Petzold: Vergleichendes Lesen. Praktiken des Vergleichens in Literatur, Wissenschaft und Kritik, Bielefeld 2024.
- Der Ton der Schreibart. Zum Tonbegriff in der Gattungstheorie des 18. Jahrhunderts, in: Beiheft zur Zeitschrift für deutsche Philologie 23 (2024): Schreibarten im Umbruch, hg. von Eva Axer, Annika Hildebrandt, Kathrin Wittler, S. 215–232.
- Poetologien des Rhythmus um 1800. Metrum und Versform bei Klopstock, Hölderlin, Novalis, Tieck und Goethe, Berlin/Boston 2020.
Forschungsvorhaben: Die Kraft der Achtsamkeit: Spätmoderne Spiritualität und Gegenwartsliteratur
„Achtsamkeit“ (engl. „mindfulness“ oder „awareness“) hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beachtliche diskursgeschichtliche Karriere durchlaufen. Ein zentrales Konzept der buddhistischen Meditationspraxis, hat der Begriff in säkularer und psychologischer Umdeutung seit den 1970er Jahren Eingang in so unterschiedliche Bereiche wie die Medizin, Bildung und Wirtschaft, Justiz und Politik gefunden. Kritiker sehen in der Achtsamkeit nicht mehr als eine neoliberale Disziplinierungsmaßnahme mit dem Ziel der Selbstoptimierung. Für ihre Befürworter bietet sie stattdessen ein Gegenmodell zu Neoliberalismus, Turbokapitalismus und soziale Polarisierung. Affirmative Visionen heben die der Achtsamkeit eigene Kraft hervor: Sie habe bewusstseinserweiternde oder therapeutische Wirkungen, erlaube eine gezielte Kontrolle des subjektiven Affekthaushaltes, mache die Einbettung des Menschen in ökologische Großzusammenhänge erfahrbar und trage zur Transformation gesellschaftlicher Spaltungen bei. Die der Achtsamkeit zugeschriebene Kraft und ihre Darstellung in der Gegenwartsliteratur sind Gegenstand des Projekts.
Es analysiert in einem ersten Schritt einschlägige Achtsamkeitsliteratur von Jon Kabat-Zinn, Thich Nhat Hanh, Joseph Goldstein und Eckart Tolle im Hinblick auf leitende Kraftkonzepte. In einem zweiten Schritt wird untersucht, wie die „Kraft der Achtsamkeit“ Eingang in die Gegenwartsliteratur findet. Welche Rolle spielt Achtsamkeit für die Konstitution literarischer Textsubjekte? (Wie) Wird Achtsamkeit als ästhetische oder formale Strategie mobilisiert? Mit welcher Haltung – emphatisch oder ironisch – blickt Literatur auf Achtsamkeit? Diese Fragen sollen anhand von Texten von Yevgeniy Breyger, Emmanuel Carrère, Joshua Groß, Timon Karl Kaleyta, Carla Kaspari und Anna Maria Stadler verfolgt werden.