Prof. Dr. Stefan Willer
Foto: Lidia Tirri
Vita
Stefan Willer ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach einem Studium der Germanistik, Romanistik und Musikwissenschaft wurde er 2001 an der Universität Münster mit einer Dissertation zur romantischen Sprachtheorie promoviert. Zwischen 2001 und 2018 war er am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin tätig, seit 2010 als stellvertretender Direktor. Ebenfalls 2010 habilitierte er sich an der Technischen Universität Berlin mit einer Arbeit über Funktionen des Erbes in der literarischen Kultur der Moderne. Zwischen 2014 und 2018 hatte er eine Sonderprofessur am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität inne und wechselte 2018 auf einen Lehrstuhl am Institut für deutsche Literatur. Er war Gastwissenschaftler und Gastprofessor an der LMU München, der École des hautes études en sciences sociales Paris, der Universidad Nacional Autónoma de México, der Stanford University, der UC Santa Barbara und der Columbia University in New York City. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Literatur- und Wissensgeschichte von Generation, Erbe und Zukunftserkenntnis, Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Musik sowie Sprach- und Übersetzungstheorien.
Publikationen (Auswahl)
- Figurationen des Erbes in der Frühen Neuzeit (Mit-Hg., erscheint 2026).
- Selbstübersetzung als Wissenstransfer (Mit-Hg., 2020).
- Erbfälle. Theorie und Praxis kultureller Übertragung in der Moderne (2014).
- Das Konzept der Generation. Eine Kultur- und Wissenschaftsgeschichte (Mitvf., 2008).
- Poetik der Etymologie. Texturen sprachlichen Wissens in der Romantik (2003).
Forschungsvorhaben: Wünschen. Versuch über eine poetische Kraft.
Gegenstand des Projekts ist die Untersuchung des Wünschens als eines poetischen Vermögens, das zugleich eine poetische Handlung darstellt. Diese Doppelung von Vermögen und Handlung, von Potenzialität und Praxis, lässt sich als Kraft im Sinne der Kolleg-Forschungsgruppe verstehen. Die Hypothese des Projekts lautet, dass gerade im vermeintlich Ohnmächtigen des bloßen Wünschen-Können eine spezifische Kraft liegt. In der Ausarbeitung des Projekts soll der spekulative Charakter dieser Hypothese unterstrichen und zugleich an historischen Beispielen ausgearbeitet werden. So manifestiert sich in der Literatur der frühen Neuzeit mit ihren starken pragmatischen Einbindungen das Wünschen in eigenen Textgattungen (z.B. Gelegenheitsgedichten), in denen sich die Performativität des Wünschens in konkret adressierten Sprechakten verwirklicht. Demgegenüber lässt sich im 18. Jahrhundert eine Entpragmatisierung beobachten, für die der empfindsame Herzenswunsch ebenso spricht wie die Irrealisierung von Wunschvorstellungen, die sich vor allem in der Idyllik findet. Weitere historische Stationen betreffen die epistemologische und kulturtechnische Tragweite des Wünschens: seine Kritik im Verlauf des 19. Jahrhunderts, vor allem im Theorem der Wunscherfüllung (etwa in Feuerbachs Desavouierung des Christentums oder in Freuds Charakterisierung des Traums), seine vielfältige Karriere in Theoriebildungen des 20. Jahrhunderts (in Konzepten wie dem ‚mimetischen Begehren‘ oder der ‚Wunschmaschine‘) und seine aktuellen technologischen Umsetzungen in Algorithmen, die Wünsche mitsamt ihren Erfüllungen vorab zu formatieren scheinen. Im Projekt soll es aber weniger um die Rekonstruktion einer Form-, Gattungs- oder Theoriegeschichte gehen als um den Versuch einer zwar historisch informierten, aber systematisch orientierten Poetik des Wünschens.