Simone Kessler

Foto: Fred Dott
Vita
Simone Kessler ist eine multidisziplinäre bildende Künstlerin mit Sitz in Hamburg, die sich in kreativen Prozessen mit philosophischen Fragen befasst, die menschliche Systeme, Ökologie und Wissenschaft miteinander verbinden. Ihre Praxis ist in thematische Serien gegliedert, die unterschiedlich und gleichzeitig eng miteinander verknüpft sind: Sequenzen, seit 2012, Räume, seit 2014, Clay Studies, seit 2015 und Earthly Matters seit 2019. In ihrer künstlerischen Forschung nimmt Simone Kessler neue Werke in diese sich ständig erweiternden Serien auf, die verschiedene Formen annehmen können: Installationen, Skulpturen, Zeichnungen, Videos, Fotografien und Objektperformances. Oft nimmt sie theoretische Überlegungen als Ausgangspunkt und schafft subtile poetische Darstellungen bestimmter natürlicher oder physikalischer Phänomene, die komplex und auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. Clay Studies und Earthly Matters beispielsweise befassen sich mit dem Widerstand natürlicher Materialien, der magnetischen Anziehung und den Folgen bestimmter Nutzungen von Land- und Meereslandschaften.
In ihren jüngsten Werken hinterfragt Simone Kessler menschengemachte Konzepte wie „Intelligenz“, die dazu genutzt werden, den Menschen im natürlichen System über andere Lebewesen zu stellen. Viele ihrer Projekte erfordern mittel- oder langfristige Forschungsphasen und interdisziplinäre Zusammenarbeit, bei denen Wissenschaftler:innen, Künstlerkolleg:innen und Kurator:innen gemeinsam mit ihr einige der dringenden Themen sichtbar machen, die das menschliche und mehr-als-menschliche Leben in unserer heutigen Zeit betreffen.
Publikationen (Auswahl)
- Shiver, Simone Kessler, herausgegeben von Neue Kunst in Hamburg im Rahmen von Neue Kunst in Hamburg 17th Cycle, 2026.
- female follows form, Simone Kessler & Edward Beierle, Eigenverlag, ISBN 9783941722958.
Forschungsvorhaben I: Someone's Sensing (Sommersemester 2026)
Someone’s Sensing ist ein transkulturelles und interdisziplinäres Forschungsprojekt, das mehr-als-menschliche Perspektiven in den Blick nimmt, ihre Kommunikation erforscht und idealerweise dazu beiträgt, Empathie für andere Lebensformen zu kultivieren. Im Mittelpunkt stehen die Fragen: Was geschieht jenseits unseres Sinneserlebens, und wie können wir die Welten anderer Lebewesen einbeziehen – selbst wenn sich diese unserer Wahrnehmung teilweise oder vollständig entziehen?
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den marinen Lebensräumen – den Seascapes –, die als erweiterte Landschaften zunehmend auch von menschlichen Kräften geprägt werden. Es stellen sich Fragen wie: Wie erweitern Wissenschaft und Technik unsere Sinne, etwa in den Infraschall- und Ultraschallbereich, in dem zum Beispiel Schildkröten oder Delfine kommunizieren? Wie orientieren sich akustisch gesteuerte Lebewesen in trüben oder dunklen Gewässern, und was spüren Haie in ihren Lorenzinischen Ampullen, wenn sie die elektromagnetischen Signale von schlagenden Fischherzen oder pulsenden Unterseekabel wahrnehmen? Oder was hören Wale unter Wasser – und was erzählen sie sich, wenn sie singen und klicken? Könnte künstliche Intelligenz uns demnächst dabei helfen, ihre Sprache zu sprechen – und wäre der erste Schritt zu diesem Verständnis nicht zuerst einmal, sorgsam zuzuhören?
Forschungsvorhaben II: Resonant Currents (Sommersemester 2026)
Mit seinem unaufhörlichen Zirkulieren zwischen Flüssen, Ozeanen, Atmosphären und lebenden Organismen ist Wasser kein passives verbindendes Element, sondern eine materiell aktive Kraft, die relationale Gefüge erst hervorbringt und permanent transformiert.
Das künstlerische Forschungsprojekt Resonant Currents von Simone Kessler untersucht den globalen Wasserkreislauf als dynamisches Gefüge materieller und energetischer Zirkulationen, in dem unterschiedliche Lebensformen in kontinuierlichen, sich gegenseitig bedingenden Austauschprozessen stehen. Wasser wird dabei als ko-produzierender Akteur verstanden, dessen Wirk- und Formkräfte Wahrnehmung, Raum und Relationalität aktiv mutgestaltet.
Im Zentrum steht die Frage, wie sich Wasser in seinen Transformationen zwischen Aggregatzuständen, Übergangszonen und Anomalien als ästhetisch wirksame, prozessuale Kraft erfahren lässt. In experimentellen künstlerischen Settings wird untersucht, wie Wasser als aktive materielle Instanz ästhetische Prozesse mitformt und dabei räumliche wie relationale Konstellationen hervorbringt.
Das Projekt versteht sich als offene Untersuchung, in der künstlerische Praxis als Methode dient, um Erfahrungs- und Denkformen zu entwickeln, die neue Sensibilität für materielle Agency und ökologische Verflechtungen ermöglichen.