Andreas Lipowsky, M.A.
Foto: Folgt in Kürze.
Vita
Der Kulturwissenschaftler Andreas Lipowsky arbeitet an den Schnittstellen von Anthropologiegeschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft sowie den Indigenous Studies. Nach Stationen als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz und dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung wurde Andreas Lipowsky im Jahr 2024 an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Seine Dissertation Metaanthropologie. Eine epistemische Poetik der Ethnografie entwickelt einen Analyserahmen für Ethnografie, der die historische „Krise der Repräsentation“ mit neueren Debatten zur ontologischen Wende in der Anthropologie verbindet. Gastaufenthalte während der Promotion führten ihn an die University of California, Berkeley (German Studies), die University of British Columbia (Literatures in English) und die Cornell University (Anthropology).
Während Postdoc-Fellowships am Max Weber Forum for South Asian Studies in Neu-Delhi, am Deutschen Historischen Institut London und am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam untersuchte Andreas Lipowsky ethnografische Feldforschungsmethoden des 19. Jahrhunderts im Britischen Empire. Im Zentrum steht der ethnografische Fragebogen Notes and Queries on Anthropology, der die Erhebung kolonialer Daten standardisierte und zur Entstehung moderner Feldforschung beitrug.
Seit 2022 ist er Ko-Leiter der Arbeitsgruppe „Indigene Epistemologie“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Zuletzt gab er bei Suhrkamp gemeinsam einen Reader mit deutschen Übersetzungen zentraler Beiträge zur ontologischen Wende heraus.
Publikationen (Auswahl)
- Metaanthropologie. Eine epistemische Poetik der Ethnografie. Berlin: De Gruyter 2027 (eingereicht).
- „Notes and Queries on the Andaman Islands: Edward Horace Man and the Paradoxes of the Questionnaire Method“. In: Early Ethnographers in the Long Nineteenth Century, 2026 (Sonderheft von BEROSE – Encyclopédie internationale des histoires de l’anthropologie; im Erscheinen).
- Gemeinsam mit Bernardo Bianchi und Oliver Precht. Hrsg. Die ontologische Wende. Indigene Kosmologien und die Dekolonisierung des Seins. Ein Reader. Berlin: Suhrkamp 2026.
- „›Anthropology is the Theory and Practice of Permanent Decolonization‹ – The Ontological Turn in Anthropology and Epistemic Delinking in the longue durée“. In: Kuckuck. Notizen zur Alltagskultur 25(1), 2025: S. 46–50.
- „Lebensphilosophie and the revolution in anthropology: Uncovering the original ›turn to life‹“. In: HAU: Journal of Ethnographic Theory 10(3), 2025: S. 800–812.
Forschungsvorhaben: Die Emanzipationen des Animismus: Von einer „Minimaldefinition der Religion“ zum Whanganui River als Rechtsperson
In Anthropologie und Religionswissenschaft definierte Edward Burnett Tylor Animismus in Primitive Culture (1871) als „Minimaldefinition von Religion“ – als „Glauben an geistige Wesen.“ Seit dem späten 19. Jahrhundert stand der Begriff für vermeintlich irrationale, „primitive“ Formen des Wissens und Weltbezugs.
Tylors Definition bündelte Praktiken über kulturelle, sprachliche, rechtliche und epistemische Grenzen hinweg. Das Projekt verfolgt das Erbe dieser Begriffsbildung und fragt, wie indigene Revitalisierungsbewegungen ihn aufgreifen, umdeuten oder zurückweisen. Obwohl Tylors evolutionistisches Schema diskreditiert ist, bleiben indigene Kämpfe um Souveränität und Gerechtigkeit mit wissenschaftlichen wie populären Vorstellungen von Animismus verflochten.
In Hamburg untersuche ich daher von Māori getragene Rechtsinnovationen in Aotearoa Neuseeland, die den „Rechten der Natur“ zugerechnet werden. Zu den bis heute staatlich anerkannten Rechtspersonen gehören insbesondere der Wald Te Urewera (2014), der Fluss Te Awa Tupua/Whanganui River (2017) und der Berg Te Kāhui Tupua/Taranaki Maunga (2025). Ausgehend von den intellektuellengeschichtlichen Kontexten des Begriffs „Animismus“ fragt das Projekt, wie diese Entwicklungen zugleich koloniale Taxonomien infrage stellen, indigene Ontologien in das Recht der Siedlergesellschaft übersetzen und Rechtskategorien transformieren.