Stobbe: Kräfte und Mechaniken in der politischen Allegorie der Frühen Neuzeit
Caroline Stobbe, M.A.: Kräfte und Mechaniken in der politischen Allegorie der Frühen Neuzeit
Maschinen und Mechaniken waren in der europäischen Frühen Neuzeit allgegenwärtige Phänomene und wurden vielfach auch künstlerisch verarbeitet. Eine bloße Beschäftigung mit ihrer Darstellung als Zeugnisse technologischer Entwicklung der Zeit würde jedoch zu kurz greifen. Ganz im Gegenteil, übernehmen Technikdarstellungen eine Vielzahl an Funktionen und wurden mit vielfältigen Bedeutungsebenen ausgestattet, die über eine bloße Werkstattzeichnung hinausgehen.
Auf einer didaktischen Ebene konnten sie dazu dienen, abstrakte Konzepte und heilsgeschichtliche Prozesse zu visualisieren. Phänomene wie die mystische Mühle oder Kelter vermittelten eine mechanisch-maschinenhafte Logik der Erlösung; die Darstellung mechanischer Alltagsmaschinen machte diese schwer nachvollziehbaren Transsubstantiationsvorgänge greifbarer. Zugleich eröffneten sie Künstler:innen die Möglichkeit, (mechanische) Bewegungsabläufe auf einem Blatt oder einem Altarbild sichtbar zu machen, um Prozesse nicht nur zu visualisieren, sondern auch narrativ aufzuladen. Zeichnungen aus dem Nachlass Leonardos zeigen, dass es dem Künstler nicht um die bloße Darstellung von maschinellen Bauteilen ging, sondern dass den gezeichneten Objekten auch ein klares narratives (Erklärungs-)Potenzial inhärent war. Neben dieser vermittelnden Funktion war fantastischen Maschinendarstellungen auch ein unterhaltendes Moment eigen, z.B. im Rahmen eines frühneuzeitlichen theatrum machinarum. Das Rätseln über die Konstruktionsweise und das Staunen über den Erfindungsreichtum involvierte die Betrachtenden. Die dargestellten Mechaniken wurden zu ästhetischen Entitäten, zu kulturellen Sinnbildern, deren Bedeutungen sich im Zusammenspiel von Form, Funktion und Fiktion erschlossen. Sie waren interaktive Denkmodelle, bei der sich das Publikum an der Bildbetrachtung aktiv beteiligen musste, indem es die Mechanik in Bewegung versetzte und dadurch die Bildaussage erst ‚produzierte‘. Schließlich kam Maschinendarstellungen in der Frühen Neuzeit auch eine vermehrt symbolische Bedeutung zu. In Emblemen wurden sie zum Sinnbild für Tugenden wie Verlässlichkeit, Standhaftigkeit, Intelligenz oder Staatskunst – ja, sie wurden (zum Beispiel in Bezug auf das Phänomen des drechselnden Herrschers) gar zum Mikrokosmos einer gesellschaftlichen Ordnung.
Das Forschungsprojekt möchte diese vielfältigen Bedeutungsebenen von künstlerisch dargestellten Kräften und Mechaniken nun im Hinblick auf ihr erklärendes Potenzial spezifisch in politischen Allegorien untersuchen. Im Anschluss an Martino Rotas Allegorien zur Seeschlacht von Lepanto (1571), in denen mechanische Konstruktionen und Kraftverläufe einen immanenten Teil der politischen Aussage tragen, soll ein Korpus an mechanisierten politischen Allegorien im europäischen Raum erschlossen werden. Diese Drucke inszenieren das historische Ereignis als Teil eines unvermeidlichen, quasi-physikalischen Ursache-Wirkungs-Prinzips und bilden daher den idealen Ausgangspunkt zur Beschäftigung mit dieser Thematik. Für das 16. und 17. Jahrhundert – einer Zeit, in der Wissenschaft, Technik und Kunst kaum voneinander zu trennen sind – wird vor allem der Frage nachgegangen, was vermeintlich technische Darstellungen (und die mit ihnen vermittelte visuelle Scheinobjektivität) im Rahmen einer fortlaufenden politischen Mythenbildung leisten können.