Dr. Tanja Klemm

Vita
Tanja Klemm ist Kunsthistorikerin. Ihre Promotion (2010, Humboldt-Universität zu Berlin) zum Verhältnis von Körper und Wahrnehmung in Spätmittelalter und Renaissance begann sie am Graduiertenkolleg „Bild-Körper-Medium. Eine anthropologische Perspektive“, Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Es folgten Stationen in der interdisziplinären Forschungsgruppe „Funktionen des Bewusstseins“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin (2006-2010), am Kunsthistorischen Institut in Florenz, Max-Planck-Institut (2010), am Kunsthistorischen Seminar der Universität Basel (2011-2013), am Internationalen Kolleg Morphomata, Universität zu Köln (2010-2011; 2014-2017), und seit 2018 in der Kunstwissenschaft der Universität Konstanz, zuletzt als wissenschaftliche Koordinatorin des Graduiertenkollegs „Rahmenwechsel“. Als freischaffende Kunsthistorikerin Tätigkeiten als Kuratorin, Vermittlerin und Publizistin, u.a. für Kunstforum International.
Forschungsschwerpunkte: Spätmittelalter/Frühe Neuzeit: wundertätige Bilder, heilende Artefakte, ‚Bildmagie‘, Naturphilosophie und Medizin. Epochen- und kulturübergreifende Forschungsinteressen: Keramik/Ton als Material, ‚Raw Art‘, Kunst und Ökologie (mit Schwerpunkt Wasser), Material- und Kunstfertigkeiten (skills und Know-how), Taktilität, „sensible Objekte“. Theoretische Schwerpunkte: Bildpraktiken und (historische) Phänomenologien der Verkörperung, Enaktivismus, (historische) Bildanthropologie, Kunstgeschichte und Ethnologie, Bildwissenschaften, Ethiken des Herstellens (Ethics of Making).
Publikationen (Auswahl)
- Kunstgeschichte, Kunsttechnologie und Restaurierung: Neue Perspektiven der Zusammenarbeit. Eine Einführung/ Art History, Conservation and Conservation Science: New Perspectives for Cooperation. An Introduction, hg. gemeinsam mit Aviva Burnstock, Tilly Laaser, Karin Leonhard, Wibke Neugebauer und Anna von Reden, Berlin: Reimer 2024.
- „‚Tactile regimes‘ und ‚tactile communities‘ in Malerei und wundertätigen Bildwerken um 1500“, in: Berührung. Taktiles in Kunst und Theorie, hg. von Kristin Marek und Carolin Meister, Brüssel und Paderborn: Brill Fink 2022, S. 19-47.
- (mit Stephanie Dieckvoss) „Ideas and Processes of Making in Art School Education Worldwide: Views beyond Europe“/ „Materialfertigkeiten in der Kunstausbildung: außereuropäische Perspektiven“ in: Handmade Tales – Diversity Art Life, hg. von der Hochschule für Bildende Künste Dresden, in Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Dresden 2021, S. 41–57.
- „Geisterwelten und Wasserwelten“/ „Spirit Worlds and Water Worlds“, in: Sarah Bildstein, 100 Spectres. Wien: Verlag für moderne Kunst 2021, o.S.
- „Life from within: Physiology and Talismanic Efficacy in Marsilio Ficino's De Vita (1489)“, in: Representations 133, 1 (2016), hg. von Hannah Baader, Ittai Weinryb und Gerhard Wolf, S. 110–129.
- Bildphysiologie. Wahrnehmung und Körper in Mittelalter und Renaissance, Berlin: Akademie Verlag 2013.
Forschungsvorhaben: Kräfteverhältnisse: Leonardos bewegte Figur im dritten Teil des Libro di pittura
Flugartiger Lauf, langsames Gehen, ausponderiertes Stehen; Muskelbewegungen, Mienen, Seelenregungen, Wachstumsprozesse: Bewegungen definieren und formen in ihrer Variabilität so konsequent und feindifferenziert wie nie zuvor die menschliche (und tierische) Figur im dritten Teil von Leonardo da Vincis Libro di pittura.
Mein Forschungsvorhaben widmet sich diesen movimenti, moti, atti, attitudini, azzioni, wie Leonardo sie nennt. Ausgehend von dem Grundgedanken im Libro, dass figürliche Bewegung allererst durch „Zerstörung des Gleichgewichts“ entsteht, untersucht es die verschiedenen Bewegungsthematiken und fragt danach, welche Verhältnismäßigkeiten von Gewichts- und Bewegungskräften sie jeweils entwerfen, wie sie an der menschlichen Figur wahrnehmbar werden und malerisch umzusetzen sind. Dabei wird es auch jeweils darum gehen, Leonardos Überlegungen mit Konzepten von Kraft, Maß, Gewicht und Bewegung in der Naturphilosophie der Zeit in ein Verhältnis zu setzen. Anatomische und mechanische Vorstellungen werden hier ebenso eine Rolle spielen wie die scientia de ponderibus oder die medizinische Lehre von den res naturales.
Forschungsergebnisse: Kräfteverhältnisse: Leonardos bewegte Figur im dritten Teil des Libro di pittura
Das Fellowship hat es mir ermöglicht, die dynamischen Grundprinzipien des menschlichen Körpers und seiner Darstellbarkeit im dritten Teil des Buches von der Malerei (Libro di pittura) Leonardo da Vincis systematisch zu untersuchen.
Ein Augenmerk des Projekts lag auf Figuren in ‚gewaltsamen‘ Drehbewegungen. Auf Grundlage der mechanischen und statischen Wissenschaften der Zeit (Corpus der scientia de ponderibus), dem aristotelischen Prinzip von Gewalt (violenzia) und der spätmittelalterlichen Impetusmechanik bündeln sich in diesen Figuren textlich und bildlich unterschiedliche ‚maschinelle Prinzipien‘ (gespannter Bogen, sich aufziehende Feder, einfache Balkenwaage, kreisende Steinschleuder etc.), in denen die vier Wirkkräfte (potentie) Bewegung (moto), Gewicht (peso), Kraft (forza), Aufprall und Schlag (percussione) in je unterschiedliche, mal zirkuläre, mal antagonistische, mal verstärkende, mal transformative Verhältnisse zueinander treten. Signifikant ist, dass Ausführungen zur Statik und Mechanik der bewegten Figur im dritten Teil von Kapiteln gerahmt sind, welche die angemessene Darstellung (decoro) von ‚mentalen Bewegungen und Zuständen‘ (moti mentali, accidenti mentali) behandeln und vornehmlich auf medizinische und seelenkundliche Kraftkonzepte zurückgreifen. Leonardo entwirft also keine mechanische Gliederpuppe, sondern eine belebte und beseelte Figur, mit Haltung, Gefühl, Intention und Ausdruck, durchzogen von Kräften mit jeweils unterschiedlichen naturphilosophischen Hintergründen.
Der Schritt zur angemessenen Darstellung erfolgt dann, wenn die wirkungsästhetisch relevanten malerischen Kernkonzepte ‚Bewegungspotential‘ (prontitudine) und ‚Lebhaftigkeit/Lebendigkeit‘ (vivacità) sowie die zentrale Darstellungsregel ‚gute Begliederung‘ (buona membrificazione) der menschlichen Figur in Ruhe und Bewegung beherrscht werden.