Prof. em. Dr. Victor Stoichita
Vita
Victor I. Stoichita (Bukarest 1949) ist emeritierter Professor der Universität Freiburg (Schweiz). Er erhielt den Louvre Chair im Jahr 2014, den Erwin Panofsky Lehrstuhl am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, die Bernard Berenson Lectures am Center for Renaissance Studies (I Tatti) der Harvard University im Jahr 2016, den European Chair am College de France im Jahr 2018 und die Hegel-Vorlesung an der Freien Universität in Berlin 2022. 2020 wurde er mit dem Wissenschaftspreis der Aby-Warburg-Stiftung in Hamburg und der Martin-Warnke-Medaille ausgezeichnet. Er ist Autor mehrerer weltweit übersetzter Werke zur Kunstgeschichte und eines autobiografischen Romans, der 2015 mit dem Prix de l'Académie Française ausgezeichnet wurde.
Publikationen (Auswahl)
- The Self-Aware Image. An Insight into the Earyl Modern Metapainting, 1993 (zweite verbesserte Auflage), London/Turnhout, Harvey Miller/Brepols, 2015 (Übersetzungen in Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Rumänisch, Polnisch, Japanisch, Portugiesisch, Farsi, Chinesisch).
- Brève Histoire de l’ombre, 2000 (neue verbesserte Auflage), Geneva, Droz, 2019 (englische verbesserte Auflage 2019; Übersetzungen in Deutsch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Polnisch, Russisch, Rumänisch, Türkisch, Japanisch, Koreanisch, Chinesisch und Arabisch).
- Darker Shades. The Racial Other Early Modern Art (The Louvre Lectures “L’Image de l’Autre. Noirs, Juifs, Musulmans et Gitans à l’aube des Temps Modernes”, 2014), London, Reaktion Books, 2019 (Übersetzungen in Französisch, Rumänisch, Spanisch, Italienisch).
- L‘Effet Sherlock Holmes. Variations du regard de Manet à Hitchcock, Paris, Hazan, 2015 (Übersetzungen in Rumänisch, Italienisch und Spanisch).
- The Pymalion Effect, Chicago, University of Chicago Press, 2008 (Übersetzungen in Spanisch, Italienisch, Japanisch, Französisch, Rumänisch, Deutsch und Portugiesisch).
- Oublier Bucarest, Arles, Actes Sud, 2014 (Médaille de Vermeil der Académie Française; Übersetzungen in Spanisch, Italienisch und Rumänisch).
Forschungsvorhaben: Gender Troubles. Die Ferse von Achilles
Wir kennen die Geschichte: Thetis hätte Achille in den Styx, einen der Flüsse der Unterwelt, gestürzt, um seine Haut zu härten. Sein Körper wurde unverwundbar, aber seine Ferse, an der ihn seine Mutter festhielt, war nicht durchnässt und blieb die eines Sterblichen, was später zu seiner Zerstörung unter den Mauern Trojas führen sollte. Die Legende ist posthomerisch und es gab Schwierigkeiten, ihre Quellen zu ermitteln. Erst in der Achilleid des Statius (94-96 n. Chr.) wird der Erwerb der (teilweisen und daher illusorischen) Unverwundbarkeit durch eine Handlung, die Tod und Auferstehung symbolisch kreuzt, seinen literarischen Ausdruck finden. Doch dieses magische Ritual, weiß Thetis, würde nicht ausreichen, um eine undurchdringliche Haut zu erlangen, weshalb die Nereide hartnäckig einen listigen Plan entwickelt: Sie möchte ihrem Kind, wenn auch nur für kurze Zeit, eine weitere schützende Hülle geben, die fähig ist ihn vom Trojanischen Krieg fernzuhalten. Ein paradoxer Umschlag, falls es jemals einen gab, denn es handelt sich um Frauenkleidung.
Das Interesse, das die Episode von Achilles auf Skyros und insbesondere die von Statius thematisierte Transgender-Intrige hervorrief, geht längst über den reinen Bereich klassischer Studien hinaus. Anthropologie, Kulturgeschichte, Geschlechterforschung, Psychologie und sogar die Psychoanalyse haben sich mit ihm befasst und Untersuchungen sind noch im Gange.
Mein Projekt hinterfragt die Art und Weise, wie zwei berühmte Maler der Frühzeit (Rubens und Poussin) mit der Konstruktion dieser Erzählung konfrontiert wurden.
Forschungsergebnisse: Gender Troubles. Die Ferse von Achilles
Das Projekt hat sich in eine unerwartete Richtung entwickelt, rund um die »Transgendergeschichte« des Achilles auf Skyros. Laut der Achilleis von P. P. Statius (94–96 nach Chr.) weiss Thetis, dass das Eintauchen ihres Sohnes Achilles in den Styx nicht ausreichen wird, um seinen Körper unverwundbar zu machen; sie lässt jedoch nicht locker und schmiedet einen schlauen Plan: Sie muss ihren Sohn mit einer anderen Schutzhülle versehen – und wäre es auch nur für eine gewisse Zeit –, eine Hülle, die imstande ist, Achilles vom Krieg in Troja fernzuhalten. Eine paradoxe Hülle, wenn es überhaupt eine ist, denn dabei handelt es sich um Frauenkleider. Thetis versucht zu zeigen, dass eine solche Verkleidung das eigentliche Wesen des jungen Mannes nicht beeinträchtigen würde (nil nocitura animo), denn sie hätte die Funktion einer ad hoc-»Schutzschicht« (tegumen) <I.268-270>.
Das Interesse, das Achilles’ Abenteuer auf Skyros, wo Thetis ihn unter Lykomedes’ Töchtern »versteckt« hat, hervorrief und insbesondere die Transgender-Geschichte von Statius sind längst nicht mehr nur Gegenstand der klassischen Altertumsstudien: Anthropologie, Kulturwissenschaften, Genderstudies, Psychologie und Psychoanalyse befassen sich inzwischen mit dem Thema und immer noch werden Untersuchungen durchgeführt.
In meiner Forschungsarbeit versuche ich die Art und Weise aufzuzeigen, in der zwei berühmte Maler der frühen Neuzeit, Rubens und Poussin, diese Thematik bildlich umgesetzt haben. Rubens demonstriert eine Reflexion über die »Ähnlichkeit«, die zugunsten der »Unterschiedlichkeit« aufgelöst, deaktiviert, umgedreht und ins Gegenteil verkehrt wird. Poussins »concetto« hat eine zweifache Wirkung: Einerseits wird ein die Schönheit betreffender und traditionsgemäss der Frau zugeschriebener Gegenstand (der Spiegel) in ein Szenario der männlichen Identitätsfindung verlegt, andererseits wird das ursprüngliche Szenario der Achilleis (I, 844-866) dekonstruiert.