Prof. Dr. Michael Auer
Vita
Michael Auer lehrt seit 2023 Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Zuvor war er Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien. Gastprofessuren haben ihn an die Harvard University und die University of California Santa Barbara geführt, Forschungsaufenthalte nach Berkeley und Florenz. Zu seinen Forschungsinteressen zählen lyrische Soundscapes, Mauerschau und Botenbericht und die Diskurse des Planetarischen.
Publikationen (Auswahl)
- Law in Suspension. The Political Pindaric in England, Berlin: Edition AVL Berlin 2026 [im Druck].
- Souveräne Stimmen. Politische Ode und lyrische Moderne, Göttingen: Wallstein 2024.
- Hrsg.: Klopstock-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: Metzler 2023.
- Hrsg. mit Claude Haas: Kriegstheater. Darstellungen von Krieg, Kampf und Schlacht in Drama und Theater seit der Antike, Stuttgart: Metzler 2018.
- Wege zu einer planetarischen Linientreue? Meridiane zwischen Jünger, Schmitt, Heidegger und Celan, München: Fink 2013.
Forschungsvorhaben: Schwache Signale. Soundscapes in Vergils Bukolik
Die Bukolik ist eine schwache Form. Sie wird in der Antike dem genus tenue zugeordnet, wobei tenuis als ‚niedrig‘ oder ‚schlicht‘ aber eben auch als ‚schwach‘ übersetzt werden kann. Die Schwäche der Gattung spiegelt auch das bukolische Personal wider, das seit Vergil aus subalternen Hirten und Nymphen besteht. Der Handlungsmacht weitgehend beraubt, nutzen sie wenig ertragreiche Böden als karge Weidegründe ihrer Herden.
Nun fällt aber auf, dass sich diese Schwäche auch dem bukolischen Kunstcharakter mitteilt. Affektiv zeigt sich das im vorherrschenden Modus der Klage, motivisch in den schlichten Instrumenten (etwa der tenuis avena), die angestimmt werden oder als Gaben unter den Figuren und in den Landschaften zirkulieren. Kunstvoll werden diese Dichtungen also nicht, weil sie sich über die Situation von Land und Leuten erheben. Vielmehr sollen sie Schwäche auf möglichst kunstfertige und eloquente Weise darstellen. Das erzeugt besondere Soundscapes, die klangrhetorisch moduliert (modulari) und verstärkt (amplificare) werden. Die Verstärkung solcher Modulationen wird dadurch ins Werk gesetzt, dass die ohnmächtigen Stimmen (voces) der Hirten und Nymphen im allgegenwärtigen Hintergrundrauschen der Natur mitklingen (resonare). Mithin werden die energiearmen Landschaften bukolischer Dichtung kunstfähig, indem sie in Klanglandschaften schwacher Signale evoziert werden. Dabei stört ihr starker Rauschanteil eine vollständige Ästhetisierung des Klangs.
In Hamburg will ich untersuchen, wie sich solche Soundscapes in Vergils stilbildenden Eklogen artikulieren. Leitend ist dabei seine Auseinandersetzung mit der Lautbildungs- und Tonwahrnehmungslehre des Lukrez.