Dr. Johanna-Charlotte Horst

Foto: Kat Eryn Rubik
Vita
Johanna-Charlotte Horst ist Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin. Sie war zuletzt Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der MLU Halle-Wittenberg. Davor war sie Akademische Rätin am Institut für AVL an der LMU München. Dort wurde sie 2017 mit einer Arbeit zu Georges Perec promoviert. Forschungsaufenthalte führten sie unter anderem an die Sorbonne-Université Paris, an die UC Berkeley, an die New York Public Library sowie an die Association Georges Perec in Paris. Vor kurzem war sie mit einem Projekt zu digitalen Gemeinplätzen Fellow am Erich Auerbach Institute for Advanced Studies in Köln. Sie ist Mitglied des ERC-Projekts The Cartography of the Political Novel in Europe am ZfL Berlin. Zu ihren Forschungsinteressen zählen Alltag und Literatur, Theorien des Materialismus, Feministische Theorien sowie Literatur und Fotografie. Außerdem schreibt sie regelmäßig Rezensionen für die SZ und FAZ.
Publikationen (Auswahl)
- Hg.: Skandal machen. Mittelweg 36 4 (2026).
- „Schreiben, Text, Verwandlung. Alltag und Essay in Wolfram Lotz’ Heilige Schrift I“, in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft (2025), S. 45–58.
- „‚The Bear’, die Familie, das Essen“, in: Pop. Kultur & Kritik, 24 (2024), S. 116–123.
- „‚infra-ordinaire‘. On the literary infrastructure of the everyday in Georges Perec“, in: GAM. Architecture Magazine, 12 (= Infra-Ordinary) (2024), S. 2–14.
- Schreibformen. Georges Perecs literarischer Materialismus, Paderborn: Brill Fink, 2023.
Forschungsvorhaben: Kraft des Skandals. Affektzirkulationen in Gayot de Pitavals Causes célèbres et intéressantes
Skandale sind Dramen mit eskalierendem Handlungsablauf: Auf das skandalöse Ereignis folgt die Berichterstattung, die öffentliche Empörung hervorruft. Dabei ringen die beteiligten Akteure um Meinungshoheit und versuchen, auf den gesellschaftlichen Affekthaushalt einzuwirken. So provoziert der Skandal eine „Selbstirritation der Gesellschaft“ (Luhmann), durch die das Zusammenleben in einen kleinen Ausnahmezustand gerät. Kollektive Empörungsenergien werden freigesetzt, bestehende Ordnungen in Frage gestellt und damit gesellschaftliche Veränderungen vorstellbar. Im Fokus des Projekts steht eine Sammlung juridischer Skandalfälle, die Causes célèbres et intéressantes, die der Pariser Anwalt Gayot de Pitaval zu Beginn des 18. Jahrhunderts veröffentlichte. Sie markieren eine „diskurshistorische[] Transformationsphase“ (Meierhofer), in der sich das Prozessgeschehen zu einer affektiv aufgeladenen Sensation verdichtet. Dabei adressiert Pitavals Fallsammlung zwei verschiedene Publika. Im Sinn von prodesse et delectare sollen nicht nur Rechtsgelehrte, sondern auch ein breiteres Publikum von den Falldarstellungen berührt und belehrt werden. Ernst Cassirers Feststellung, dass die Psychologie des 18. Jahrhunderts keineswegs rein intellektualistisch gewesen sei, sondern auch durch „die Kraft und die Eigenart des Trieblebens“ Wissen produziert habe, ist für diese poetologische Programmatik wegweisend. Auf welche Weise Pitavals Wirkungsästhetik die Falldarstellungen als öffentliches Spektakel inszeniert und damit zum Dispositiv eines Kraftfeldes affektiver Energien operationalisiert, soll in dem Projekt in den Blick genommen werden.